TextSearch

Winter in Kanada: Aus Niagara kommt ein cooler Wein - WELT

In Kanada sind die Winter frostig, doch ausgerechnet hier keltert man hervorragende Rebensäfte. Das Top-Anbaugebiet liegt direkt an den Niagarafällen – und ist berühmt für seine Eisweine. Die Trauben dafür erntet man Ende Dezember bei minus zehn Grad.

· archived 5/20/2026, 6:41:42 AMscreenshotcached html
PfadnavigationHomeReiseWinterurlaubWinter in Kanada: Aus Niagara kommt ein cooler Wein0KanadaAus Niagara kommt ein cooler WeinVon Jörg MichelVeröffentlicht am 28.12.2022Lesedauer: 9 MinutenDas Gutshaus Peller steht mitten in Weinreben, die im Winter regelmäßig mit Schnee bedeckt sindQuelle: Cosmo Condina North America / Alamy Stock PhotoIn Kanada sind die Winter frostig, doch ausgerechnet hier keltert man hervorragende Rebensäfte. Das Top-Anbaugebiet liegt direkt an den Niagarafällen – und ist berühmt für seine Eisweine. Die Trauben dafür erntet man Ende Dezember bei minus zehn Grad.0AnzeigeDie Fahrt zum Weingut von Klaus Reif führt durch ein beschauliches Flusstal in Kanada mit verschneiten Laubwäldern, Obstplantagen und Weingärten. Am Niagara River in der Provinz Ontario geht es vorbei an Bauernhöfen, Parkanlagen und historischen Herrenhäusern. Schließlich taucht ein Schild mit einem rot-weiß-blauen Familienwappen auf, dazu ein Fahnenmast mit deutscher Flagge. Hinter dem Gutsgebäude mit Türmchen auf dem Dach erstrecken sich Weinfelder, so weit das Auge reicht. Wäre das Land nicht so flach, würde man sich glatt an der Mosel oder in der Pfalz wähnen. Zumal der Winzer deutschsprachige Besucher seines Weinguts mit perfektem Pfälzer Zungenschlag begrüßt.AnzeigeKlaus Reif stammt aus Neustadt an der Weinstraße, vor knapp 40 Jahren zog er in die Region Niagara. Für Kenner steht sie heute nicht mehr nur für die berühmten Wasserfälle, sondern vor allem für erstklassige Weine. Über 120 Güter und zahlreiche ausgezeichnete Restaurants machen die Region im Südosten Kanadas zum beliebten Kulinarik-Ziel. Quelle: Openstreetmap-Mitwirkende, CC-BY-SA; Infografik WELTBesonders im Winter lohnt sich die Reise. Dann wird der Eiswein zelebriert, hergestellt aus gefrorenen Trauben, die bis in den Winter hinein an den Stöcken hängen und in der Nacht bei Minusgraden gesammelt werden. AnzeigeKanada ist weltweit der größte Produzent dieser natursüßen Dessertweine, die auch in Asien, den USA und Europa gern getrunken werden. Der Großteil stammt aus Niagara, dem wichtigsten Anbaugebiet des Landes. Hier kann man Icewine und viele weitere edle Tropfen kosten, vor allem Riesling, Müller-Thurgau und Merlot, aber auch verschiedene Cuvées.Im Winter lockt das Eiswein-Festival nach NiagaraAttraktiv ist außerdem die Lage der Güter in der Nähe der Niagarafälle, Casinos und Unterhaltungsbetriebe. Kanadas größte Metropole Toronto ist nur zwei Autostunden entfernt. Die Saison mit ihren Wein- und Musikfesten erstreckt sich über das ganze Jahr und bietet als Highlight im Winter die Eiswein-Ernte sowie alljährlich im Januar ein großes Eiswein-Festival, bei dem die lokalen Spezialitäten in klirrender Atmosphäre genossen werden. Dann zeigt sich die Region als Winterwunderland mit verschneiten Gütern, weißen Wäldern und heimeligen Dörfern. Dazu das historische Flair aus der Kolonialzeit – viele Siedlungen und Höfe gehen auf das 18. Jahrhundert zurück.Kein Glühwein: Das Eiswein-Festival in Niagara-on-the-Lake findet Ende Januar stattQuelle: Alamy Stock Photo/Cosmo CondinaMit Tradition kann auch Klaus Reif aufwarten. Seine Familie in der Pfalz baut seit 13 Generationen Reben an. In Kanada produziert der Endfünfziger auf dem Hof Reif Estates Winery auf 50 Hektar Wein und Eiswein. Angefangen hatte er mit einer Angestellten, heute halten über 50 Mitarbeiter den Betrieb am Laufen. Mehr als 300.000 Besucher kommen im Jahr, darunter auch Touristen aus dem Ausland. Das war nicht immer so. „Wir gehörten zu den ersten Weingütern hier“, erzählt Reif, während er seinen Gästen einen Riesling einschenkt. Damals in den 80er-Jahren gab es in der Region nur ein Dutzend Kellereien. Kanada galt als Land der Biertrinker, Reif, der den Betrieb seines Onkels übernahm, wäre fast pleitegegangen. „Als wir anfingen, hatten wir fast nur ältere Kunden, viele von ihnen kamen aus Europa“, berichtet er. „Heute dagegen kaufen mir die jungen Leute den Weinkeller leer, und manchmal habe ich den Eindruck, sie verstehen mehr von Wein als ich.“ Ein Scherz natürlich: Vor seiner Auswanderung studierte Reif an der Hochschule Geisenheim, einer der renommiertesten Weinbauschulen der Welt. Sein Wissen brachte er mit nach Kanada. „Mein Motto lautet: Qualität, Qualität und nochmals Qualität.“ In der Region Niagara wirkte er früh an der Entwicklung neuer Gütestandards mit.Viele Winzer verbesserten ihre Anbaumethoden, manche holten sich Fachleute aus Europa zu Hilfe. „Aus dem Gebräu von einst wurden so richtig gute Qualitätsweine“, erklärt Reif. Geschmacklich gibt es interessante Unterschiede: Weine aus Niagara haben oft weniger Säure als deutsche, dafür mehr Alkohol. „In Deutschland würden viele der Weine als Spätlese eingestuft“, sagt Reif. Elegant im Geschmack, aber einfach ein wenig süßer. Die Region in Kanada bietet gute BedingungenBleibt die Frage nach dem Klima: Wein – ausgerechnet in Kanada? In einem Land mit knapp sechs Monaten hartem Winter? Es ist eine Frage, die auch Paul Gallo häufig hört...